Gefangen in Empathiemangel und Unverständnis. Ein Kommentar zum grassierenden Flüchtlingshass

Livet på flykt_Metro Sthlm„Livet på flykt“ – „Das Leben auf der Flucht“: Titelseite der schwedischen Tageszeitung METRO in Stockholm am 28.08.2015

Wie man an obigem Titelbild unschwer erkennen kann, lebe ich in Schweden. Nicht immer verfolge ich aus meiner Wahlheimat Stockholm das tagesaktuelle Geschehen meines eigentlichen Heimatlandes Deutschland. In letzter Zeit muss ich allerdings kaum große Bemühungen anstellen Heimatmedien zu konsultieren, denn Deutschland schafft es derzeit ohnehin – sehr unrühmlich – in die internationalen Schlagzeilen. Als ich am Freitagmorgen einen ersten Blick in die auflagenstärksten schwedische Tageszeitung METRO warf, war Deutschland gar auf der Titelseite.

„Der Flüchtlingshass schüttelt Deutschland“, titelt die Zeitung – „METRO vor Ort in Heidenau“. Darunter: „Am Wochenende spielten sich kriegsähnliche Szenen in der deutschen Kleinstadt Heidenau ab. Neonazis demonstrierten vor einem Heim für Asylsuchende und das war der Startschuss für tagelange Unruhen.“ Auf dem Bild zu sehen ist ein 18-jähriger afghanischer Flüchtling, seit einer Woche in Deutschland, der „dort hinkommen wollte für ein besseres Leben, sich dort aber nicht sicher fühlt“.

Nochmal zum mitschreiben:
Ein 18 Jahre junger Mann aus einem fremden Land wollte sehnlichst nach Deutschland kommen für ein besseres Leben. Nun ist er in Deutschland. Und hat Angst.

Angst, wo er sich eigentlich sicher und geborgen fühlen sollte. Angst, wo er nach scheinbar nicht enden wollender Reise endlich angekommen sein dürfen soll. Angst, weil er Flüchtling ist. Angst, weil er anders ist. Angst, weil die, die ihn zum ‚anderen‘ machen, das Fremde fürchten. Angst, weil die, die das Fremde fürchten, glauben, es könnte ihnen jemand das Lachsfett streitig machen wollen, das ihnen aus den Mundwinkeln trieft. Der junge Mann hat Angst. Und das in meinem Heimatland.

Was soll man dazu sagen? Mein Vorschlag: Alles, was es dazu zu sagen gibt! Denn Sprachlosigkeit ist hier schon lange kein Mittel mehr.

Mund aufmachen, Haltung zeigen!

Es war erst Anfang diesen Monats, als Anja Reschke vom NDR einen vielbeachteten Kommentar in den Tagesthemen sprach, in dem sie feststellt, dass die Hetze gegen Flüchtlinge immer aggressiver wird. In der Quintessenz fordert sie einen jeden Bürger dazu auf, Haltung zu zeigen: „Die Hassschreiber müssen kapieren, dass die Gesellschaft diese üblen Beschimpfungen nicht akzeptiert“.

Mit Bestürzung, Irritation und Abscheu fallen auch mir die gefühlt immer extremer werdenden Kommentare über die „Flut an Flüchtlingen“ („Flut“ – welch menschenverachtender Terminus in diesem Kontext!) auf, über die man stolpert, wenn man durch die unterschiedlichen deutschen Weböffentlichkeiten streift. Wenn ich von „extremen Kommentaren“ spreche, dann meine ich damit konkret: uninformierte, fremdenfeindliche bis rassistische und teilweise islamophobe Äußerungen anderer deutschsprachiger Wesen bzw. deren digitaler Abziehbildchen, die in den Kommentarboxen von Facebook, Online-Zeitungen und dergleichen herumhängen. Zu einem Teil dieses völligen Unsinnes, den man dort lesen muss, würde ich gerne etwas sagen.

So toll ist Deutschland auch wieder nicht – und wegnehmen will den Deutschen auch niemand etwas 

Um eines gleich vorweg zu nehmen: Nach Informationen der deutschen Bundesregierung kommen die meisten Menschen aus den unterschiedlichen Ländern in die Bundesrepublik Deutschland, um Gewalt und staatlicher Willkür in ihren Heimatstaaten zu entgehen, aus purer Not, oder weil sie in ihrer angestammten Heimat keine Perspektiven sehen.

Das heisst im Umkehrschluss: „Die Flüchtlinge“ (klingt, als wären die alle gleich – irgendwie blöd, wenn man kurz darüber nachdenkt, oder?!) kommen vermutlich in den allerseltensten Fällen – unter Lebensgefahr (!) – nach Europa und/oder Deutschland, weil sie ihre Heimat, den Ort also, an dem sie ihre Kindheit verbrachten, aus tiefsten Herzen hassen. Sie kommen vermutlich nicht nach Deutschland, weil sie schon immer Frau und Kinder zurücklassen wollten – oder diese mitnehmen und unterwegs sterben sehen. Sie kommen vermutlich nicht, weil sie ihrer Eltern und Freunde ohnehin längst überdrüssig waren. Und sie kommen wahrscheinlich auch nicht, weil Deutschland in aller Welt für seine Küche, Mode und Gastfreundschaft so bekannt ist – und weil man diesen Ort, und wenn es unter Einsatz des eigenen Lebens ist, einfach gesehen haben muss!

Liebe Fremdenhasser, Rassisten und Angst-vor-allem-Unbekannten-haber: Sorry, so toll ist Deutschland auch wieder nicht! Es tut mir Leid zu enttäuschen, aber jene Leute, die dorthin kommen, kommen eher, weil es ihnen an ihren Heimatorten wirklich schlecht geht. Das hat zu tun mit allen nur erdenklichen Grausamkeiten wie (Bürger-)Kriegen oder Bedrohung und Unterdrückung aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, Religionszugehörigkeit oder ethnischer Zugehörigkeit.

Es darf also getrost davon ausgegangen werden, dass jene Menschen, die es letztlich nach Europa schaffen, vorher höchstwahrscheinlich alles versucht haben, diesen Schritt nicht gehen zu müssen. Dass sie versucht haben, einfach zu Hause bleiben zu können. Irgendwie mit der Situation klar zu kommen. Aber es ging einfach nicht, weil die entsprechenden Umstände schlicht von einem Menschen kaum zu ertragen sind.

Um es auf den Punkt zu bringen: Der einzige Ausweg für viele Flüchtlinge ist der grausame Akt der Flucht. Jedem, der bis zu diesem Punkt noch immer Unverständnis zeigt („Wir können nicht alle aufnehmen..“ und dergleichen), empfehle ich wärmstes einen Crash-Curs im Zwangsempathie-Bootcamp: Bitte einmal für eine gewisse Zeit in ein solches Land reisen und im Leben so einer Person zubringen (Nein, kein Return-Ticket!) – ich bin sicher, eine Woche reicht. Die meisten Wir-können-nicht-alle-aufnehmen-Rufer weinen wahrscheinlich schon, wenn sich der Abend des ersten Tages neigt. Und wahrscheinlich würden sie zurecht weinen. So wie auch all die Flüchtlinge unzählige Tränen zurecht weinten.

Eine Übung in Ethik

So sehr Flucht und Vertreibung Ursachen haben, so wenig trifft doch die von diesen Ursachen betroffenen Menschen persönliche Schuld. Das ist auch der Grund dafür, dass jeder Mensch, der nach Deutschland kommt,ein Recht darauf hat, menschenwürdig behandelt und in Sicherheit untergebracht zu werden. „Nur so lässt sich das im Grundgesetz verankerte Asylrecht mit Leben füllen, nur so wird Deutschland seiner Verpflichtung als demokratischer Rechtsstaat in Europa gerecht“ – soweit die Bundesregierung.

Zu oben festgestellter Schuldfreiheit des Einzelnen kommt hinzu, dass niemand vorher gefragt wurde, in welche Gesellschaft, in welche Situation man gerne hineingeboren werden wolle. Dafür, in Deutschland  leben zu dürfen, und nicht etwa in der momentanen Situation Syriens leben zu müssen, sollte man also in erster Linie dankbar sein. Und dann sollte man sich postwendend klarmachen, dass dieser Umstand kein Eigenverdienst ist, sondern schierer Zufall! In eine wie auch immer gelagerte Familie, Schicht oder Gesellschaft hineingeboren zu werden, ist nichts als purer Zufall – glücklicher oder unglücklicherer Zufall. Es ist weder Verdienst noch Schuld eines Einzelnen, sondern einfach eine Laune der Natur.

Nehmen wir diesen Gedanken mit und wenden wir uns damit für einen Moment John Rawls und seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ aus den 1970er Jahren zu, die hier ganz aufschlussreich ist. Rawls stellt dabei ein interessantes Gedankenexperiment an: Er geht zunächst von einem so genannten „Urzustand“ aus. In diesem Urzustand haben wir eine Gruppe von Menschen, welche zwar über praktische Vernunft verfügen, sich aber hinter einem „Schleier des Nichtwissens“ befinden. Dieser „Schleier des Nichtwissens“ bedeutet, dass keinem der Menschen aus der Gruppe bekannt ist, welchen Platz (bspw. Geschlecht, Status, Herkunft, Intelligenz, Körperkraft, Besitz, Gesellschaftsform, usw.) eine jede dieser Personen in einer zu erdenkenden Gesellschaft einnehmen würde. Und für genau diese erdachte Gesellschaft sollen ebendiese Personen vor diesem „Schleier des Nichtwissens“ einen Gesellschaftvertrag bzw. gesellschaftliche Spielregeln festlegen. Frei nach Rawls müssten sich die Menschen in einer solcher Gruppe logischerweise wohl oder übel für ein System des umfassendsten erdenklichen Schutzes eines jeden Einzelnen entscheiden. Denn es könnte ja einem jeden dieser Menschen passieren (Zufall eben), in eine schwächere Position hineingeboren zu werden – und diesen maximalen Schutz dann dringend zu brauchen.

Darüber bitte ich im Kontext der Flüchtlingsdebatte einmal nachzudenken. Die Schlussfolgerung lasse ich hier implizit.

Kurzer Faktencheck

Nach allem, was bisher zu sagen war, stellt sich also weiterhin folgende Frage: Woher kommt all der Hass auf die Flüchtlinge? Ist es, weil ‚die‘ alle kriminell sind? Weil neu hinzukommende Menschen jenen, die bereits dort wohnen, angeblich Jobs strittig machen und Sozialleistungen beziehen, die den Neuankömmlingen anscheinend nicht zustehen? Weil sie eine Bedrohung für ‚unser‘ Land sind und ‚wir‘ „nicht alle aufnehmen“ können?

Das ist zumindest die Melodie, die in vielen Kommentarsektionen der sozialen Medien gesungen, ach was, gebrüllt wird. Werfen wir also einfach einmal einen kurzen Blick auf nur zwei dieser vermeintlichen Tatsachen – die meisten anderen wären ebenso recht schnell als verzerrte Faktenwahrnehmungen zu entlarven.

„Deutschland kann nicht alle aufnehmen“

Tut Deutschland auch nicht. Erstens nehmen andere Länder auch viele Flüchtlinge auf. Und zweitens nehmen diese – relativ gesehen (d.h. wenn man die aufgenommenen Menschen im Verhältnis zur Einwohnerzahl eines Ortes betrachtet) – mehr Flüchtlinge auf als Deutschland. Viel mehr sogar. So zeigt eine vor einigen Wochen von der BBC zusammengestellte Statistik, dass Deutschland zwar nach absoluten Zahlen die meisten Menschen aufnimmt, Schweden aber beispielsweise relativ gesehen deutlich mehr Flüchtlinge aufnimmt als Deutschland. Schweden hat etwas weniger als 10 Millionen Einwohner. Deutschland um die 80 Millionen. Um in der Relation gleichauf mit Schweden zu sein, müsste Deutschland nach unterstehender Grafik nochmals rund 400.000 Flüchtlinge aufnehmen. Nicht ganz so gravierende, aber dennoch deutliche, Verhältnisse ergäben sich, würde man auf Ungarn oder Österreich blicken. Ausführlichere Informationen dazu gibt es bspw. hier oder hier.

bbc_stats_refugees

Betrachten wir die Situation für einen Moment einmal nur für Syrien, so zeigt der schwedische Statistikprofessor Hans Rosling in einem eben so recht aktuellen Video anschaulich, dass von den 20 Millionen Menschen in Syrien um die 12 Millionen Menschen (eine nahezu unglaubliche Zahl!) auf der Flucht sind. Allerdings sind davon 8 Millionen Menschen innerhalb Syriens geflohen (so genannte „internally misplaced“). 4 Millionen Leute leben als Flüchtlinge in an Syrien angrenzende Nachbarländer. Gerade einmal ca. 250.000 Syrer sind letztlich in die Europäische Union geflüchtet. Das sind also weniger als 2 Prozent der Summe an Flüchtlingen. In der EU. Nicht in Deutschland alleine.

„Die sind alle kriminell“

Der Glaube an den ‚kriminellen Immigranten/Flüchtling‘ ist – zumindest gefühlt – recht verbreitet. Dabei liegt dieser Fehlinformation eigentlich nur ein recht einfacher statistischer Fehlschluss zu Grunde – aber den machen auch viele Studierende, die der Statistik noch nicht gänzlich mächtig sind. Bei dem Denkfehler handelt es sich um die Verwechslung von Korrelation (zwei Dingen x und y also, die gemeinsam auftreten – vielleicht sogar zufällig) und Kausalität (wenn ein Ding x ein anderes Ding y mit einer entsprechenden Wahrscheinlichkeit auch direkt verursacht).

Vergewaltigung, Einbruch, Körperverletzung – die Kriminellen sind meist die Immigranten. Oder? Nun gut, es mag stimmen, dass die beiden Dinge (oder Variablen, wie man sagt) „kriminelles Verhalten“ und „Migrationshintergrund“ gehäuft zusammen auftreten. Das ist aber eben nur eine Korrelation. Keine Kausalität. Und das macht einen bedeutenden Unterschied, heisst es doch, dass „Migrationshintergrund“ nicht der Grund für abweichendes Verhalten ist. Beides tritt einfach nur zusammen auf. Um ein beliebtes Beispiel aus Statistikklassen hinzuzuziehen: Die Anzahl der Störche korreliert auch mit der Anzahl von Babys – wo es mehr Störche gibt, gibt es auch mehr Babys. Das heisst aber noch lange nicht, dass der Storch die Kinder bringt. Sorry. Beides tritt einfach nur zusammen auf. Die Kausalität, also der Grund, für dieses gemeinsame Auftreten der beiden Variablen, ist aber ein anderer: Störche leben vermehrt in ländlichen Gegenden, und in ländlichen Gegenden gibt aus aus einer Vielzahl von Gründen mehr Kinder als in der Stadt (wo es auch weniger Störche gibt). Der Grund für „viele Babys“ ist also „ländliche Gegend“; nicht „Storch“. Verzwickt aber auch.

Was aber ist dann der Grund für Kriminalität bzw. warum ist es so, dass anscheinend viele Menschen mit Migrationshintergrund in Straftaten verwickelt sind? Die kurze Antwort: Kriminalität ist sozial, nicht kulturell verursacht. Die längere Antwort: Meist sind es Menschen aus sozial benachteiligten Milieus, die entsprechend auffallen. Das hat einfach mit den oft sehr schwierigen Lebensverhältnissen und Sozialisation (den Bedingungen des Aufwachsens also) zu tun. Und genau das trifft für viele Flüchtlingsfamilien im Asylverfahren oder mit Duldung zu: Sie leben unter extrem belasteten Umständen, da unter anderem die Wahl des Wohnorts, der Zugang zu Bildung, Arbeit und medizinischer Versorgung sowie der finanzielle Spielraum rechtlich stark begrenzt sind. Man kann also einfach einmal in den Statistiken nachschlagen, wie viele Straftaten von sozial niedrig gestellten Menschen begangen werden und wie viel Prozent der Migranten sozial niedrig gestellt sind.

Das heisst im Schluss zweierlei. Erstens: Der Grund für Kriminalität ist nicht das Ausländer-Sein, sondern (meistens zumindest) die soziale Lage. Zweitens: Gäbe es keine Ausländer mehr in einem Land, so würde das ja nicht dazu führen, dass es keine sozial schlechter gestellten Menschen mehr gäbe. Dieser Platz in der Gesellschaft würde dann einfach ausschließlich von Einheimischen (die es dann ja nur noch gäbe) eingenommen – denn statistisch gesehen kann es einfach nicht jedem Menschen sozial gleich gut gehen – , die sich dann vermutlich entsprechend verhalten würden.

Die Lösung hier wäre also wahrscheinlich eine optimale Integrationspolitik, um neu ankommenden Menschen den sozialen Aufstieg so leicht, nicht so schwer wie möglich zu machen.

Mit den beiden Beispielen „Wir können nicht alle aufnehmen“ und „Die sind alle kriminell“ soll es für hier genug sein. Einige weitere der oben angerissenen Flüchtlingsklischees werden hier oder hier relativiert.

Schlussbemerkung

Flüchtlinge müssen in den Aufnahmegesellschaften teils viele Jahre in prekären Situationen zwischen der Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat und einem Neuanfang in bspw. Deutschland leben. Dazu kommen die schweren Traumata der Flucht, ein Leben in Verunsicherung und  die Herausforderung, eine neue Sprache, Gesellschaft und Kultur bewältigen zu müssen. Jemand der schon einmal länger im Ausland gelebt hat (Nein, die 4 Wochen all-inclusive Urlaub in Thailand zählen hier nicht!) oder – wie ich – ausgewandert ist, weiss, dass allein letzteres schon eine gewisse Kraft in Anspruch nehmen kann.

Die Aufnahmegesellschaften habe zudem die rechtliche Pflicht, Flüchtlinge aufzunehmen. Da helfen auch die zahlreichen dagegen vorgebrachten, meist völlig verfehlten, Argumente nichts. Ja, Deutschland braucht sicherlich mehr Kindertagesstätten. Ja, es gibt Menschen in Deutschland, denen es finanziell nicht gut geht – die „zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben“ haben. Aber ob das etwas mit den Flüchtlingen zu tun hat? Ich glaube es kaum. Wie hat es Ruthe neulich augenzwinkernd so schön formuliert –  „Natürlich ist Geld übrig für Flüchtlingsheime. Dies ist ein Land, in dem Leute Geld haben, um es für Helene-Fischer-Tickets auszugeben“.

Natürlich ist der Aufnahmeprozess nicht immer perfekt umgesetzt. Vielleicht wäre es gut, anwohnende Bürger in entsprechende Planungen mit einzubeziehen. Sie zu fragen. Vorher. Nicht hinterher. Menschen mit entsprechendem Antrieb könnten ‚Bürgertaskforces‘ aus der Mitte heraus bilden, die Situation mitgestalten und Lösungen ersinnen. Dass es diese solidarischen Menschen gibt, die gewillt sind, in Notsituationen mit anzupacken, zeigen die kaum mehr zu überblickenden handfesten Hilfsaktionen, zu denen sich Bürger derzeit bspw. über soziale Medien organisieren. Würde man diese Potentiale proaktiv nutzen um Unsicherheiten abzubauen, nicht reaktiv um gegen Ressentiments anzugehen, so wäre sicherlich schon einiges gewonnen. Und dann müsste sich der 18-jährige junge Mann, der erst eine Woche in Deutschland ist, wahrscheinlich auch nicht mehr fürchten. Wenigstens nicht vor den Deutschen.

Letztlich kann man kann es drehen und wenden wie man will: wenn man im ‚Fremden‘ zuallererst und vor allem eine Gefahr sieht, dann nennt man das Xenophobie (wer sowas hat: die meisten Phobien sind therapeutisch ganz gut in den Griff zu bekommen). Und wenn man Menschen aufgrund ihrer Ethnie für schlecht(er) hält, dann heisst das Rassismus. Und beides sind abzulehnende Haltungen. Punktum.

Konza Technology City, Nairobi (Kenya). This is Africa (too)!

Konza Technology City from Urban Graphics on Vimeo.

More information on konzacity.co.ke & konzacity.go.ke.

African Community Development (Indigenous Style): Chamas and Harambee as a case in point

Dandora with Nairobi river
Parts of Dandora with Nairobi river (© Michael Waltinger, field research, 2013)

 

The latest edition of one of my favorite sources for non-mainstream reporting on certain parts of Nairobi, the African Slum Journal, is on the changing faces of Dandora – a well-known place in Eastlands Nairobi that I have visited myself severally over the course of the past years. What I find remarkable about this particular episode is that it provides an excellent example of locally and culturally sensitive community development.

Dandora is a settlement in Nairobi (Kenya) that, according to the African Slum Journal report, was established in 1977 by the World Bank and the Nairobi City Council as a means of planned and affordable housing for low income populations in the area. Over the years, the area also became ‚home‘ to one of the largest dumpsites in East Africa; which massively affects and pollutes the environment.

Local initiatives, however, have started to clean and color up the space with a two fold purpose: to develop their own community from within (through chamas as a financial and organizational form) in terms of developing a more habitable environment and also to bring down criminal activity by youth involvement and empowerment that in turn avoids idling.

As the community came to see the meaning and effect of the local initiative (health benefits, increased security, and so forth), residents of the area were increasingly ready and willing to contribute the monthly installments they could spare to that greater good. The organization, in turn, has then employed even more youths and equipped them with the tools necessary to carry out the community activities.

This is, in my opinion, a perfect example for the harambee-spirit that I got to know as being so typical for Kenya (and maybe other African communities as well) – and that is often used to fix community needs where the government fails to act 1 (which is in many instances) or where western ngo’s fail to engage with local needs in meaningful ways. It then is also an example of what non-top down grass roots approaches might look like that are locally relevant (by listening to the voices of the residents) and culturally embedded (chamas, harambee) and not designed from far away-world high-rise office desks.

 

 

  1. Harambee, or „pulling together“ for a common goal, is a form of community participation for which the late first president of independent Kenya, Jomo Kenyatta, has called for. This cultural mode is also very visible e.g. in the educational sector, which in Kenya is often heavily underfunded by the government, thus requiring parents and other bodies to contribute to (private) schools teacher salaries, the land on which schools are to be constructed, furniture, school materials, morning snacks, and so forth. All in all, self-help projects (as an expression of underfunded infrastructure and services) are omnipresent in Kenya and lively proof for the vitality and efficiency of indigenous community development.
    See for example in Swadener, Beth; Kabiru, Margaret; Njenga, Anne (2000): Does the village still raise the child? State University of New York Press.

Alternative Mobile Phone Design Ideas

Mobiles for Development (M4D)? Er, nah. Mobiles for Fun (M4F)!

Ory Okolloh, Google’s policy manager for Africa and a Kenyan lawyer and activist, tells the Guardian’s Activate summit in London that Africans don’t view technology simply as a tool of development.The Guardian

Guess what. Africans, just as Westerners, simply want to have fun with technology. Grande surprise. People in Africa do not want to transfer money via mobile banking services the entire day. Just imagine. People do not want to check for fair market prices or the next purified water dealer all the time. Crazy, eh? People are not using their phones only when pregnant and in need for maternity programs.

Not to me mistaken: all those are valuable uses. They indeed are. But what I find rather disturbing is that literature and news coverage on mobile phones in ‚Africa‘ often focus on the so called M4D- or ICT4D-narrative (i.e. mobile phones/information and communication technology for development). But, truth to be told, what people really love doing is to just enjoy themselves with their technology by using Facebook, WhatsApp, buy and sell stuff on OLX, share and listen to the latest DJ sets, take and share pictures, discuss technical features of their phones against each other, and so forth.

And if there really is a crisis or whatever incident, then it is good people used their phones for fun, because that is how they got used to using them – also in case of an emergency like election monitoring (e.g. Ushahidi) or public outrage against unacceptable social action (e.g. #mydressmychoice in Kenya). More or less just like here, in the West, huh?!

 

Source:
Google’s Africa policy manager: ‚Africans enjoy technology‘ – video

Life after high school in urban Kenya

Life after high school in Nairobi often differs from people’s dreams. This episode of African Slum Journal vividly depicts the experience of many people in Nairobi by the example of Collin, who dreamed of being an aeronautical engineer. However, a lack of employment opportunities (i.e. long term contract work) in Kenya’s capital often makes it difficult to get into something stable.

As many people in Nairobi, he chose to take fate into his own hands, dipping into the rich so called ‚informal‘ or ‚jua kali‘ business sector that provides about more than three quarters of the urban population with a livelihood. Collins is selling earrings and shirts now, instead of passively waiting for a formal employment opportunity that is probably never going to come.

So now he is his own boss –  a thing to be  proud of. “Use your talents, with or without high school”, he says.

Source:
Life after high school – African Slum Journal

There is no such thing as >Black Music<

Bildschirmfoto_2015-06-03_um_09_44_50

Can we please somehow stop the blockheadedness of calling a certain kind of music genre „black music“?!
Thank you!

Otherwise I would need to insist on introducing another pigeonhole called „white music“. Sounds foolish, doesn’t it?!
Well, that’s because it is foolish!
Thank you once again! 

 

Mal angenommen, eine der großen Ketten […] käme auf die Idee, alles von Beethoven bis Strawinsky, von Elton John bis THE SMITHS, von Udo Jürgens bis Johnny Cash, unter die gemeinsame Rubrik „White Music“ zu stellen – das Geschrei wäre groß. Undenkbar, eine so große kulturelle Vielfalt unter die banale, alles vereinende und damit nivellierende Kategorie der Hautfarbe zu stellen! Aber warum eigentlich nicht? Waren bzw. sind Beethoven und Morrisey nicht gleichermaßen „weiß“? Und könnte man nicht sogar aufgrund einer musikhistorischen, spitzfindig theoretisch untermauerten Genealogie erklären, dass es jenseits der gängigen Unterscheidung zwischen „E“ und „U“ eine ganze spezielle, alle oben genannten einende Tradition „weißer“ Musikästhetik gäbe, deren Gemeinsamkeit beispielsweise in der auffälligen Abwesenheit von Groove liege? – So absurd diese Argumentation auch erscheinen mag, liegt ihr doch eine andernorts alltäglich wie selbstverständlich vollzogene Praxis zugrunde: Daran, dass sich in zahlreichen Plattenläden eine eigene Rubrik namens „Black Music“ finden lässt, dass es Radiosendungen und Zeitschriften mit diesem Titel gibt […] und dass „Black Music“ seit Beginn der (vornehmlich weißen) Pop-Geschichtsschreibung zu einem feststehenden Begriff geworden ist unter den sich heute je nach Belieben alles von Soul bis HipHop, von R&B bis House subsumieren lässt – daran haben wir uns längst gewöhnt.

Wenn aber das Spezifische oder doch zumindest Einende an so extrem unterschiedlichen Künstlern wie Richie Havens und Aretha Franklin, George Clinton und Cody Chesnutt ihre „Blackness“ sein soll, dann wäre es nur zuträglich, diese banale Verengung auch auf Musikerinnen und Musiker weißer Hautfarbe anzuwenden. Dann nämlich erst, im Spiegel einer beleidigten, weil sich stets als künstlerisch gegenüber ‚Banalitäten‘ wie Hautfarbe erhaben gerierenden, auf ‚individuelle Werdegänge‘ beharrenden Hegemonialkultur, könnte entlarvend deutlich werden, mit welch diskursiv diskriminierender Gewalt der Begriff „Black Music“ seitens weißer […] Geschichtsschreibung immer schon marginalisierende Zwecke verfolgte – nicht zuletzt jenen Zweck, mit einer Verengung auf „Soul-Disco-Dance-Groove“ zu suggerieren, das ‚Schwarze‘ in einer (implizit als hochwertiger gehandelten) Rockkultur keinen Platz haben und sich dort ja aufgrund ihrer musikalischen Tradition auch gar nicht aufgehoben fänden.

Dies ist nur eine der stillschweigend, also meist unausgesprochen mit dem Begriff der „Black Music“ vorgenommenen Zuweisung und Ausgrenzung, deren essenzialistisches Vokabular sich selbst dort noch zu erkennen gibt, wo wohlwollend von der „Spiritualität“ des Souls, vom Blues „im Blut“ oder von der „Ursprünglichkeit“, wenn nicht gar „Besessenheit“ des Grooves die Rede ist. Ausdrücke dieser Art, denen die alte Dichotomie zugrund liegt, „schwarze Kultur“ als „körperlich“ und „weiße“ als „geistig“ aufzufassen […], sind schon lange zu Gemeinplätzen im Musikjournalismus geworden. Testcard #13, 2004. Editorial, S. 4-6

Daran scheint sich, auch gut 10 Jahre nachdem Obenstehendes verfasst wurde, kaum etwas geändert zu haben.

 

Mehr zum Thema:

Arndt, Susan (2004): Kolonialismus, Rassismus und Sprache. Kritische Betrachtungen der deutschen Afrikaterminologie. Bundeszentrale für politische Bildung: Online verfügbar.

Arndt, Susan; Ofuatey-Alazard, Nadja (Hrsg.) (2011): Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster: Unrast.

Hall, Stuart; Evans, Jessica; Nixon, Sean (Hrsg.) (2013): Representation. London: u.a.: Sage; The Open University.

Rodman, Gilbert B. (Hrsg.) (2014): The Race and Media Reader. New York; London: Routledge.

Waltinger, Michael (2013): Afrika(ner)bilder in westlichen Medien. Ungleichheit und die Repräsentation des Anderen im Zuge globaler Kommunikationsflüsse. [Africa(ns) in Western Media. Inequality and Representation of the Other in Global Flows of Communication.] In: Maurer, Bjoern; Reinhard-Hauck, Petra; Schluchter, Jan-René; von Zimmermann, Martina (eds.:): Medienbildung in einer sich wandelnden Gesellschaft. Festschrift für Horst Niesyto. Muenchen: kopaed, pp. 279-290.

Minimalism in Germany (and Kenya?)

minimalism-9_jpg

The article Throwing Ballast Overboard – Minimalism as a lifestyle is a very brief but fairly interesting account of the „minimalism“-lifestyle movement. Since the short article is posted on the website of the Goethe Institute, it uses Germany as a case in point to illustrate some lifestyle peculiarities.

However, since the article is also posted on the dedicated website of the Kenyan branch of the Goethe Institute in Nairobi, I would have found it very interesting to contrast Germany and Kenya in terms of this said concept of  „minimalism as a lifestyle culture“.

I pondered:

What can „minimalism“ mean in a Kenyan sense; how would it be defined and perceived – if such a thing existed at all? Would it be a lifestyle that – in it´s voluntary practice – could be associated with elites only? Is it the default-lifestyle of the non-elites in its pervert inversion and with an entirely different meaning – „minimalism as struggle“? What if we further take into account rural-urban contrasts?

I have some hunches, but do not really know for now.

“HAMSTER-HIPSTER-MOBILE” – an exhibition on cell phones at the Museum for Applied Arts in Frankfurt

For many people, life without a mobile phone is inconceivable. For the cell phone provides more than the opportunity merely to telephone: it is also a camera, a computer, a calendar, a flashlight and more. It shapes communication, influences consumer behaviour and makes transparent our preferences. The exhibition Hamster-Hipster-Handy (i.e. Hamster-Hipster-Mobile) focuses on these aspects and shows that the mobile phone is an object which shapes our cultural understanding of ourselves.

The hamster and the hipster function thereby as two opposing central figures. Around the turn of the millennium Cell Phone Radiation Tests, with whose help possible injuries to people can be detected, were conducted on rodents. The hamster therefore stands symbolically for the negative effects of mobile phones on human life. The hipster, on the other hand, represents the consumer of the twenty-first century and a new culture of mobile users which avails itself of the seemingly limitless possibilities of the device and the narcissistic self-presentation associated with it.

The exhibition broaches the issues of the use of mobile phones, the wasteful use of resources demanded by their production and the possibilities of global positioning and monitoring.

On display are photographs, interactive installations, video art, painting, Street Art and a collection of various mobile phone models.

24.04.2015 to 05.07.2015 
Museum of Applied Arts, Frankfurt (Germany)
Schaumainkai 17
60594 Frankfurt am Main

Source:
Art Calendar – Goethe-Institut

Africans don’t want your stinky T-Shirts!